Buch eines deutschen Paters des Dominikanerordens über Imelda, Kind aus dem Adelsgeschlecht der Lambertini PDF Drucken E-Mail
Donnerstag, den 15. Oktober 2009 um 19:53 Uhr

Imelda

Die "Legende" eines seligen Kindes

 

Erzählt von Hieronymus Wilm OP

Verlag und Druck von B.Kühlen Kunst- und Verlagsanstalt
M. Gladbach (etwa 1932)


Bei der Mutter

Ein Kind, wie ein Engel so rein, so lieb, so selig, das ist zu schön für diese Erde. Solche Kinder nehmen die Eltern mit zagendem Mute in Empfang und doch mit unendlicher Freude. Die Mutter hält das Kleine in den Armen und hält es wärmer und drückt es zärtlicher als all die anderen Kinder, die Gott ihr geschenkt hat. Sie fühlt, dies Kind ist ein einziger Schatz, dies Kind geht über alle anderen Kinder. Sie selbst hütet diesen Schatz. Keiner Magd überlässt sie ihn, keinem Kinderfräulein vertraut sie ihn an, es sei denn, dass die Not sie für kurze Zeit dazu zwingt. In diesen Augenblicken der Trennung sorgt sich das Mutterherz und findet keine Ruhe, bis das Kind wieder in ihrer Hut ist. Selbst den Weg zum Gotteshause, den sie so gern geht, selbst das Weilen vor dem Tabernakel, wo sie mit dem Heiland fast ausschließlich von diesem Kinde spricht, wird ihr zur Qual, bis sie den kleinen Engel mitnehmen kann. Dann, ja dann ist es anders.
Der Vater ist so ernst in Gegenwart dieses Kindes. Er wagt es nicht anzurühren. Er getraut sich kaum, es länger zu betrachten. Es scheint ihm nicht von seiner Sippe. Es ist gar so zart, so fein. Wie den Fremdling, der kommt und geht, betrachtet er es, wie den Gast eines Tages in seinem Hause.Wehmütig umschwebt es seine Lippen: "Das Kind bleibt nicht lang bei uns."
Als ob die Mutter das unausgesprochene Wort verstanden, beteuert sie erregt: "Es ist gesund; es ist ganz gesund. Es ist noch nicht krank gewesen. Die anderen hatten in diesem Alter schon dies und das, dies Kind noch nicht. Es wird auch groß werden." "Nicht wahr, mein Herzchen!" Und sie stellt das Kind auf ihren Schoß und neigt sein Köpfchen gegen ihrigen und küsst das kleine Wesen, das lächelt und so selig zart und lieb schaut, wie ein Engelein.
Ein solches Himmelskind war der Familie Lambertini zu Bologna geschenkt worden im Jahre d.H. 1322. Imelda, dieser süßklingende, melodische Name war ihm beigelegt worden in der heiligen Taufe, weil das kleine Geschöpfchen war wie Honig und Honigseim so süß und lieb und rein und fein.
Signore Federigo hatte heilige Scheu vor seinem eigenen winzigen kleinen Kinde. "Das bleibt uns nicht lang."
Donna Castora sah ihn groß und traurig an. Mit schmerzlichem Seufzen barg sie das niedliche Wesen an ihre Brust. "Wolle Gott, dass Du ein falscher Prophet!"
Und doch, auch sie, die Mutter, sah und sah besser als alle anderen, dass dies Kind nicht war wie die anderen; es war so gut und sanft und zart wie ein Engel.
Sie hegte das Kind wie ihren Augapfel.
Es starb nicht in der Wiege, wie der Vater prophezeit, und wie die Mutter im stillen gefürchtet hatte. Es lernte gehen und laufen und springen; es lernte sprechen und singen, und es blieb doch wie ein Engel.
Sonne im Antlitz, Sonne in der Stimme, Sonne in allen Gebärden.
Und wenn eine Träne ihm ins Auge trat und über die sanft gerötete Wange rann, da bedurfte es keines Spielzeugs, keiner Süßigkeit, um den Kummer von der kindlichen Seele zu nehmen.
"Jesus! Maria!" flüsterte die Mutter. Das Kind war ruhig und lächelte und wischte mit dem Patschhändchen die Träne aus dem strahlenden Auge.
Ein eigenartiges Verständnis für alle religiösen Wahrheiten war Imelda eigen und wo Imelda selbständig beten konnte, da schlich das Kind sich oft hinweg aus dem Kreis der Gespielinnen, es ging auf seine Kammer, es verbarg sich in einem Winkel des Gartens und gab sich dem Zug des Herzens hin, es betete. Da umschwebten wohl himmlische Engel den betenden irdischen Engel. Beten war seine Labung, seine Erholung.
Dabei war Imelda nicht frömmelnd, nicht unnatürlich. Das Kind war wie ein Sonnenstrahl vom Himmel hoch, alles durch Wärme, Klarheit und Glanz bezaubernd; es war wie eine Weihrauchwolke von der Erde tief, in süßem Duft seine Liebe, sein Sehnen, sich selbst ganz und gar zum Himmel tragend. Ob dieser sonnige Strahl lange leuchten wird im alten Palaste der Lambertini? Wird des Vaters Ahnen oder der Mutter Wünschen siegen?



Im Unterricht

In dem einfachen, schmucklosen Sprechzimmer des ärmlichen Dominikanerinnen-Klosters Val di Pietra saß das Töchterlein des reichen Signore Federigo Lambertini und horchte auf die Worte einer alten Klosterfrau.


Imelda war, obwohl erst acht Jahre alt, nicht mehr zufrieden gewesen mit den Anweisungen der weltgewandten Frau, der die Mutter den Unterricht anvertraut hatte. Die Dame sprach so viel von den Regeln des äußeren Verkehres, ihre Worte zielten so oft auf die eingehende Pflege der körperlichen Schönheit. Die Schülerin hatte für die ersteren nur ein halbes Ohr und war für die zweiten ganz taub, nicht weil sie wußte, dass ihre engelgleiche Erscheinung durch Flitter und Zierat nur wäre verunstaltet worden, sondern weil sie dergleichen gar nicht beachtete, ja gründlich verachtete.
"Dem Kinde fehlt für diese Dinge das Verständnis", sagte die besorgte Frau. Um dies zu wecken, verdoppelte sie den Eifer, - umsonst.
Imelda gab sich auch nicht zufrieden mit dem Unterricht im Lesen und Schreiben, mit der Auswahl der Poesie und Prosa, die ihr geboten wurde. Ihre Hand führte die Feder sicher und sauber. Ihre klangvolle Stimme trug die Gedanken Fremder mit Ausdruck vor. Ihre Gedächtnis bewahrte das Erlernte treu, und geschickt wußte sie das einmal Gehörte einsichtsvoll wiederzugeben. Aber das alles vermöchte ihren Geist nicht zu fesseln, noch weniger ihr Gemüt zu befriedigen.
Als die Lehrerin einmal die Heilige Schrift aufschlug und daraus las - es war bloß ein schlichter Bericht aus dem Evangelium gewesen - das war Imelda ganz Ohr. Sie hing an den Lippen der Vorlesenden, sie trank ihr förmlich die Worte vom Munde, ihr Geist erfasste den Gedanken, bevor die Worte noch zu Ende gelesen waren. Als Ansporn zur Aufmerksamkeit benutzte die Erzieherin fortan diese Lesungen, freilich ohne besonderen Erfolg. Das Kind entsprach mit dem Willen den berechtigten Anforderungen, ihr Interesse aber galt nicht den äußeren irdischen Dingen.
Um die pflichttreue Schülerin zu belohnen, las eines Tages die Lehrerin wieder aus dem Evangelium des heiligen Johannes vor. Es waren jene göttlichen Verheißungsworte vom allerheiligsten Altarsaktramente: " Ich bin das Brot des Lebens. Eure Väter haben das Manna in der Wüste gegessen und sind gestorben. Dies aber ist das Brot, das vom Himmel herabgekommen ist, damit, wer davon isset, nicht sterbe. Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wer von diesem Brot ißt, der wird leben in Ewigkeit; das Brot aber, das ich geben werde, ist mein Fleisch für das Leben der Welt."
Imelda war wie in Verzückung. Eine Spannung lag in ihrem Antlitz, ihrer ganzen Gestalt, dass die Dame nicht, wie sie gewöhnlich tat, nach einigen Versen abbrach,sondern das ganze Kapital zu Ende las. Und als sie dann das Buch schloß, saß Imelda noch da in regungsloser Spannung, mit großen, fragenden Augen.
"Ach, ich möchte es noch einmal hören", sagte das Kind.
"Morgen lese ich es wieder, wenn du vorher gut aufpasst."
Sie las am folgenden Tag dasselbe Kapital , doch nun unterbrach Imelda die Lesung mit Fragen, und sie hatte so viel zu fragen, dass es der Lehrerin peinlich, ja zuletzt unheimlich wurde bei all den Fragen, auf die sie keine oder nur eine unvollständige Antwort wußte.
Seitdem las sie nicht mehr aus der Heiligen Schrift vor.
Imelda wandte sich mit Fragen an die Mutter. Die gute Frau sagte, was sie wußte; sie nahm das Kind mit in die Predigten, aber dessen heilige Neugierde war nicht befriedigt. Es fragte immer noch und begehrte mehr zu erfahren vom Heiland, der bei uns geblieben im Sakramente und der sich den Seinen schenkt in der heiligen Kommunion.
Signora Castora wußte sich zuletzt nicht anders zu helfen, sie bat die frommen Ordensfrauen, ihrem Kinde besonderen religiösen Unterricht zu erteilen.
Die Priorin wählte aus der Reihe der Schwestern eine alte, erfahrene Nonne aus. Zu ihr durfte fortan das kleine, kluge Kind kommen, um mit ihr zu sprechen vom Heiland im Sakramente.
Imelda kam ganz regelmäßig und pünktlich auf die Minute. Weder die aufblühende sonnige Frühlingsnatur vermochte sie aufzuhalten noch auch das frohe Spielen ihrer Altersgenossinnen, die klagten, weil Imelda zu den Nonnen gehe und dadurch das Spiel verderbe, die selbst aber nicht mit hingehen wollten, weil es ihnen zu öde und langweilig schien, in einem kahlen Zimmer dem frommen Gespräche einer alten Ordensfrau zu lauschen. Das Zimmer lockte auch Imelda nicht, die alte Nonne zog auch nicht an; wohl aber der Heiland im Sakramente, von dem sie nirgendwo so sprechen hörte als im Kloster.


Im Kloster

Imelda war, so oft sie durfte, zum Kloster gegangen. Sie hatte die ganze Lehre vom Allerheiligsten Sakramente, sowie die gute Schwester sie darzulegen vermochte, in sich aufgenommen. Sie konnte alles am Schnürchen hersagen, und doch konnte sie sich nicht vom Kloster trennen. Ja, ihre Liebe wuchs mit jedem Besuch - im Kloster war sie dem Heiland im Sakramente näher als sonstwo.
Im Kloster durfte sie hoffen, früher zu seinem Empfange zugelassen zu werden als in der Welt.
So erwachte in ihrem kindlichen Herzen der Wunsch, Ordensfrau zu werden.
"Lass mich ins Kloster eintreten! Lass mich dort bei den guten Schwestern bleiben." Zuerst trug Imelda der Mutter diese Bitte vor, dann dem Vater. Beide taten, als ob sie die bitte nicht verständen. Aber das kindliche Drängen, das anhaltende Flehen überwand das Nichtverstehenwollen und all den Widerstand, der sich dahinter verbarg.
Die Eltern mussten sich sagen - eigentlich hatten sie es immer gewusst, nur hatten sie es sich nicht eingestanden - dies Kind ist nicht für die Welt bestimmt. Es passt nur ins Kloster. So erlaubten sie endlich den Eintritt.
Die Mutter wusste nicht, wie den Schmerz, diesen schrecklichen Trennungsschmerz überwinden. So qualvoll war ihr kein Tag gewesen wie der, an dem ihr liebstes Kind fortging, um sich hinter hohen Klostermauern zu vergraben.
Der Vater wischte verstohlen über die Augen. Nun war der Sonnenstrahl aus seinem Palaste geschwunden, den er so bang begrüßt und dann doch so wert gehalten.


Wo aber beim ersten Besuch Imelda so froh, so schelmisch heiter, wie seit Jahren nicht mehr, zwischen den hohen Gitterstangen hindurchlächelte, da mußten auch Vater und Mutter wider Willen unter Tränen lächeln und sich freuen über das Glück ihres Kindes, dessen Glück ihr eigenes Glück.
Imelda wohnte im Kloster mit Jesus unter demselben Dach; sie durfte in seiner Gegenwart weilen so oft und so lang sie wollte. Das war ihr Glück.
Imelda suchte sich im Kloster nützlich zu machen; sie nahm Anteil an allen Übungen, soweit ihre zarten Kräfte es gestatteten, und sie gestatteten bei ihrem sehr guten Willen gar viel. Die Nonnen willfahrten nach kurzer Probezeit gern dem Verlangen des Kindes nach dem Ordensgewande.
Allerliebst sah Imelda, das kleine Nönnchen, aus.


Alle lächelten, sie selbst am herzlichsten über ihr Erscheinen. Sie war auch überfroh: Wie einen Schritt näher dem Heilande. Sie trug das Gewand derer, die ihm angehörten, die in seinem vertrautesten Dienste standen. Sie durfte nun mit den Schwestern im Chorstuhl stehen und beten und singen und sich neigen. Und sie hielt sich in allem, wie die Eifrigste und Treueste, um dem Heiland möglichst bald nahen zu können in der heiligen Kommunion.
"Er kommt am liebsten zu denen, die ganz treu", hatte die alte Schwester im Unterricht betont. Imelda versagte nirgends. Schweres und Leichtes, Kleines und Großes, alles mit derselben Treue und Ausdauer.
Man prüfte ihren Gehorsam, - sie bestand die Probe glänzend. Ihre Demut ward untersucht, - das Fundament aller Tugenden war echt in ihr.
Die Liebe wurde durchforscht, - auch sie ergab sich, wie St.Paulus an die Korinther davon schreibt.

Imelda musste an manchen Tagen in der Küche helfen; die erfahrene Küchenschwester staunte über die Art, wie ein Kind aus den höchsten Kreisen solche Arbeit mit solchem Geschick und solcher Sorgfalt anfasste.
An anderen Tagen half Imelda das Haus fegen. Wo sie mit dem Besen gewesen, brauchte niemand nachzuhelfen. Die Zelle, die sie ausgewischt, war sauber, wie eine gescheuerte Schüssel. Und wenn sie erst im Schreibsaal am Pulte stand und schrieb. Die Meisterin hatte mit Mühe einen Ruf des Staunens unterdrückt.
Es war, als würden Engelein dem Kinde helfen. Anders war diese Art zu arbeiten nicht zu erklären. Doch niemand hatte die Engel gesehen, auch Imelda nicht. Wenigstens hat sie nie solches verraten.
Sandte die Sakristanin das Kind in den Garten, um Blumen für den Altar zu pflücken, da war sie sicher, dass nach ganz kurzer Zeit die jugendliche Gehilfin schon zurückkam mit einem Strauß Blumen, so farbenprächtig, so geschmackvoll zusammengestellt, dass die Küsterin nur staunend fragen konnte: "Gibt es denn solche Blumen in unserem Garten?" "Ja", antwortete Imelda lächelnd. "Ich will sie dir zeigen, wenn du mitgehst."
Die Schwester ging mit, sie wollte die Probe machen. Wirklich, da standen sie. Keiner hatte darauf geachtet, bis Imelda sie für Jesus pflückte.
"Wer hat denn den Strauß gebunden?" fragte die Schwester ein anderes Mal.
"Ich", entgegnete Imelda.
"Wer hat dich's gelehrt, solche Sträuße zu binden?"
"Niemand", antwortete das Kind. "Ich nahm die Blumen, band sie zusammen, da ist es so geworden."
Bald fragte niemand mehr. Alle wußten, dass es etwas Außerordentliches mit dem Kinde war.
Und das Kind wollte doch gar nichts anderes als brav und treu sein in allem, weil Jesus am liebsten kommt zu denen, die brav und treu. So hatte die alte Schwester im Unterricht gesagt.



Am Altare

Imelda halt am liebsten der Sakristanin. Da durfte sie die Stufen des Altares fegen, durte das Leinen vom Opfertisch nehmen und reinigen, durfte die Kännchen und Leuchter putzen, durfte, und das tat sie am allerliebsten, den Altar mit Blumen schmücken.
Wie war ihr Schritt beflügelt, wenn sie, die Hände voll Lilien, aus dem Klostergarten kam und die Blumen zur Kirche trug. Lilien waren ihre Lieblingsblumen, weil sie so süß und eindringlich dufteten.
So süß, so eindringlich sollten ihre Gebete sein. Es waren ihre Lieblingsblumen, weil sie auf schlankem, hohem Stengel den prachtvollen blütenreinen Kelch entfalten und ihn doch wieder leise neigen, ein Sinnbild der Unschuld und Demut. So wollte Imelda sein. Es wusste nicht, dass es längst so war, das zarte schlanke Kind mit dem unschuldigen reinen Herzen und der glühenden Liebe zu Jesus.
In den duftenden Lilienkelch hätte Imelda gern hineingesehnt all ihre herzliche Liebe und ihrer Seele Sehnsucht, sie hätte gerne hineingedrückt all ihre Andacht und ihre Hingabe.
Bei keiner Übung, bei keiner Arbeit wurde an Imelda eine Schwierigkeit, ein Kampf bemerkt. Wohl aber stellten sich solche Anzeichen ein, ganz schwache, ganz flüchtige nur, wenn sie im Dienste des Altare tätig war. Mit dem Putzen der Kännchen ward sie nicht fertig, weil sie ihr nie blank genug. Auf den Altarstufen fand sie immer zu fegen, wenn nur ein blasser Schatten darauf lag. Sie machte erst dann ein Ende, wenn die alte Küsterin sagte: "Nun ist es gut."
Es war dieselbe Sache beim Gebete in der Kirche, da war ihr die Zeit zu kurz. Die Stunden, die sie dort verbringen durfte, schienen ihr Augenblicke zu sein. Gar zu gern hätte sie diese Augenblicke ausgedehnt.. Das Glockenzeichen, das sie beendete, entlockte ihr zuweilen einen leisen, ganz leisen Seufzer. Aber sie unterdrückte ihn schnell, sie bezwang sich und folgte hurtig dem Zeichen, das zur Arbeit oder zur Erholung oder auch zur Ruhe rief.
Sie sandte wohl zum Abschied einen innigen Blick der Liebe zum Altare hin, und etwas wie Neid stieg in ihrem Inneren auf, als ihr Auge die schöne schlanke Lilie traf. Die durfte am Altar bleiben, durfte dort blühen und verblühen zur Verherrlichung ihres Heilandes. Wie gern hätte sie mit der Lilie getauscht, um stets in Jesu Nähe zu sein und zu seiner Ehre zu blühen und zu verblühen.
Sie blickte noch schnell zum ewigen Lichte auf, das dort brannte und flammte und sich verzehrte im Dienste Jesu. Sie hätte so gern sich und all ihre Kraft für ihn hingegeben. Und im Fortgehen dachte Imelda noch an das Ciborium, das ihr die Sakristanin einmal ganz in der Nähe gezeigt hatte, an den goldenen Kelch, der jetzt im Altare stand und in dem sich nichts befand als die heiligen Hostien. "Ach, wäre doch mein Herz so rein und so leer von allem Irdischen wie dies Ciborium, so dürfte ich ihn auch wohl aufnehmen und halten und nicht mehr lassen! O, wer ihn empfangen, wer ihn ewig besitzen könnte!", seufzte Imelda. Seit dem Tag, da ihr Jesu Gegenwart im Allerheiligsten Sakramente bekanntgegeben war, trug sie ein heiliges, glühendes Verlangen nach der Kommunion. Dieses Verlangen erwachte mit ihr am Morgen, in diesem Verlangen entschließ sie am Abend. Dieses Verlangen beherrschte ihr Leben, ja hielt sie am Leben.
Auf diesem Verlangen heraus war sie ihrer Wärterin und ihrer Mutter mit Fragen lästig geworden; aus diesem Verlangen hatte sie den Unterricht der Ordensfrau besucht, hatte dann die Welt verlassen und war selbst Nonne geworden. Aus diesem Verlangen heraus erfüllte sie mit der größten Treue alle Pflichten und übte sich in allen Tugenden, denn sie wußte: Je heiliger, um so würdiger ist die Seele zum Empfange des Herrn. Freilich, auch die Heilige ist nicht würdig. Auch zu ihr kommt Jesus aus Gnade. "Ach, Jesus, komme zu mir!" Eines blieb Imelda unverständlich. Sie drückte es in ihrer kindlich offenen Art mit der Frage aus, die sie in der Unterhaltung an die Ordensfrauen richtete: "Sagt mir, liebe Schwestern, wie kann man Jesus in der heiligen Kommunion empfangen und nicht sterben vor Glück?"
Da lächelten einige Nonnen über diese altkluge Frage; sie antworteten aber nicht. Andere sagten: "Der Heiland, der den Menschen in der Kommunion beglückt, kann ihn auch stark genug machen, dieses Glück zu ertragen."
Wie andere dachten im stillen nach und fanden, dass diese Frage eine tiefe Weisheit in sich schloß und wohl nicht allein mit dem Hinweis auf Gottes Kraft zu beantworten sei, sondern mit dem Fingerzeig auf des Menschen Armseligkeit, sie seufzten: "Ach tät ich, was ich tun sollte, an Dank und Lob und Liebe, meine Kraft und mein Leben wären wohl längst verzehrt."



Zur Kommunion

Das Sehnen und Verlangen Imeldas nach Vereinigung mit Jesus in der Heiligen Kommunion wurde immer glühender und drängender.
Sie wohnte Tag für Tag der Heiligen Messe bei und sah dem Priester Jesum empfangen. Sie konnte sich in dem Augenblick kaum enthalten zu rufen: "Gebt ihn mir auch ! Gebt ihn mir !" Aber niemand gab ihn ihr.
Sie war anwesend, wenn von Zeit zu Zeit, dem damaligen Brauch in der Kirche entsprechend, die Ordensfrauen zur Heiligen Kommunion gingen. Wie gern wäre sie mitgegangen an den Altar. Aber sie musste auf ihrem Platz im Chorgestühl bleiben, wie sehr auch der Seele und Leib quälende Schmerz in ihr brannte.
Wohl war sich Imelda ihrer Unwürdigkeit bewusst, sie stellte ja selbst noch viel größere Anforderungen als die Heilige Kirche und die Oberen; doch sie konnte auch nicht leugnen, dass ihr ganzes Herz, ja ihr Inneres mit allen Fasern und Kräften sich sehnte nach der Vereinigung mit Jesus.
Tieftraurig mit Tränen in den Augen verließ sie regelmäßig an solchen Tagen das Chor. Die Oberen kannten ihre Sehnsucht. Die Oberen wussten um ihren Eifer. Eine Probe war überflüssig, denn alles, was man um diesen Preis von Imelda verlangte, brachte sie freudig, selbst das Opfer des Lebens wäre ihr nicht zuviel gewesen. Die Triebkraft all ihres Betens und Arbeitens, ja all ihres Tuns und Lassens, war seit Jahren die Sehnsucht nach Jesus. Ihren Willen wollte sie ganz in den seinen geben, damit er nur käme.
Und doch kam er nicht. Die Oberen erlaubten ihr nicht, zum Tisch des Herrn zu gehen. Der Beichtvater und die Mutter Priorin hatten lange beraten. Man neigte dazu, eine Ausnahme zu machen. Aber dann fürchteten beide auch wieder diese Ausnahme. Sonst wurde niemand vor dem vierzehnten Jahre zur ersten Heiligen Kommunion zugelassen. Warum denn dieses Kind? So blieb das Ergebnis all der Beratungen: Sie möge warten.
Warten! Imelda hatte schon so lange gewartet, so sehnsüchtig gewartet. Nun sollte sie wieder weiter warten. Das war das Schwerste, das von ihr verlangt werden konnte. Und sie brachte das Schwerste und wartete. Dieses Warten tat in ihr eine einzigartige Wirkung.
Die Treue, die Imelda bis dahin geübt, aus Verlangen nach Jesus, um ihn zu haben, die selbe Treue übte sie nun aus reiner selbstloser Liebe. Sie versuchte es wenigstens. In dieser Reinigung ihrer glühenden Liebe zu Jesus verbrachte sie sehnsuchtsvoll und doch beseligt die Tage der gemeinsamen Kommunion der Schwestern, wie alle Tage, und sie überließ es ihm, wann er kommen wollte zu ihr, in ihr kleines, krankes, vor Sehnsucht nach ihm krankes Herz.


Als diese innere Losschälung von sich selbst, als diese Läuterung ihrer Liebe sich vollzogen hatte, als ihr Inneres, gereinigt in dem glühenden flammenden Feuer, geworden war wie reines lauteres Gold, da war der Vorabend von Christi Himmelfahrt des Jahres 1333 gekommen. Da geschah etwas ganz Einzigartiges. Die Heilige Messe war zu Ende. Die Ordensfrauen hatten das Chor verlassen. Nur Imelda kniete noch an ihrem Platz. Heute war ihr Inneres besonders bewegt. Sie suchte die große, große Sehnsucht niederzuhalten durch den heroischen Verzicht: "Herr, ich bin nicht würdig." Weiterfahrend: "Aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund!, hob sie die Augen noch sehnsuchtsvoller zum Tabernakel auf. Da sah sie einen Lichtstrahl von dort ausgehen. Der Strahl kam auf sie zu. In der Lichtbahn schwebte die Heilige Hostie, näher, näher, bis zu dem Kinde hin. Das breitete verlangend die Arme aus, das hob das Haupt und öffnete die Lippen. Doch da hielt die Heilige Hostie an und stand schwebend in dem Lichtglanz.



Erschreckt ließ Imelda die Hände sinken und senkte das Haupt und schloss die Lippen. So nahe der Heiland, so unmittelbar nahe bei ihr und kam doch nicht zu ihr. Einen Augenblick war sie wie vernichtet im Gefühl ihrer Armseligkeit, doch dann hob sie wieder im Vertrauen das Haupt und blickte ihn liebevoll und anbetend an. War er soweit gekommen um ihretwillen, dann würde er auch die kleine, ganz kleine Strecke, die wenige Handbreit betrug, zurücklegen, so es ihm gefiel. Die Sakristanin sah den wunderbaren Lichtglanz, sie lief und rief. Die Schwestern eilten herbei und fielen staunend in die Knie und beteten an. Auch dem alten Klosterpater wurde Meldung gemacht. Der kam in gewohnter Bedächtigkeit, und nachdem er die Heiligen Gewänder angelegt hatte, nahm er die schwebende Heilige Hostie und reichte sie dem vor Sehnsucht und Liebe und Demut fast ersterbenden Kinde.
Imelda hatte Jesum bei sich. Das Licht verschwand. Die Schwestern gingen fort.
Imelda kniete allein in ihrem großen Glück.






Im Tode

Imelda kniete an ihrem Platz im Chorgestühl. Da, wo die Heilige Hostie zu ihr hingeschwebt war, da, wo sie dieselbe aus der Hand des Priesters empfangen hatte, kniete sie.
Imelda kniete noch lange, nachdem alle Schwestern sich zurückgezogen und lang und breit das große Wunder besprochen hatten. Man ließ sie eine geraume Zeit gewähren, denn eine erste Heilige Kommunion verlangt ja stets eine besondere Danksagung und eine solch wunderbare erste Heilige Kommunion verlangte dies erst recht.
Allein da die Stunden verstrichen und Imelda immer noch nicht kam, schickte die Priorin zu ihr in das Chor, sie möge es nun gut sein lassen und kommen und sein wie alle anderen in Arbeit, Gebet und Erholung.
Die Botin kam und traf Imelda in der tiefen Verbeugung, wie in Danksagung versunken, kniend. Sie näherte sich zaghaft und flüsterte leise die Anordnung der Oberin.
Keine Antwort.
Sie sprach lauter. Sie räusperte sich und redete mit kräftiger Stimme.
Keine Erwiderung folgte.
Sie fasste die kniende Gestalt beim Ärmel und zupfte, sie rüttelte.
Ohne Erfolg.
Da glaubte die gute Schwester, das Kind sei wohl in Verzückung, und eilte und redete so zur Mutter Priorin.
"Sag ihr, dass sie im heiligen Gehorsam gehalten sei, jetzt das Gebet abzubrechen."
Die Botin ging und richtete den formellen Befehl aus.
Es half alles nichts. Keine Worte, kein Befehlen, kein Rütteln brachte Bewegung in die Gestalt. Wohl sank sie, als das Rütteln zu heftig, zur Seite. Das Kind war tot.
Tot. Allüberall, wo das Wort ertönt, schnürt es des Menschen Brust zusammen in Gefühlen des Schmerzes, des Schreckens. Auch bei der Leiche Imeldas fuhr die Schwester erbleichend zurück, als sie das Werk des Todes erkannte.
Bltzschnell eilte sie zur Zelle der Priorin: Imelda ist tot.
Auch die würdige Mutter erbleichte. "Ach, das gute Kind!" Doch bei ihr leuchtete alsbald ein verklärendes Lächeln auf. Wie alles erklärend, zitierte sie das im Kloster so oft besprochene und so verschieden beurteilte Wort der Verstorbenen: "Wie kann man Jesus empfangen und am Leben bleiben!" Imelda hatte die Erklärungen der Schwestern nicht verstanden.
Die Gefühle der Freude und der Liebe und des Dankes waren so stark, der Jubel der Seele war so groß gewesen, dass ihr Herz von lauter Glück und Seligkeit gebrochen war. Das so heiß und lang ersehnte Glück war in der Erfüllung zu überwältigend gewesen. Ihr Dank war nicht auf Erden abgeschlossen worden, sondern im Himmel.
Hunderte von Englein schwebten dem unschuldigen Kinde entgegen und geleiteten es triumphierend zum Throne des Heilandes, auf dass es nun in Ewigkeit den von Angesicht zu Angesicht schaue, dem es auf Erden in Treue gedient und nach dem es sich so unablässig gesehnt hatte.
Um Imeldas Leiche aber standen, wie am Bette eines selig schlafenden, süß träumenden Kindes die frommen Schwestern, weinend und lächelnd vor Schmerz und Rührung. Es kamen Vater und Mutter und weinten vor Weh und drückten einander verständnisinnig die Hand: "Hab ich's nicht gewußt: Das Kind bleibt nicht lange bei uns, das ist zu gut für diese Erde." Und auch sie lächelten einander an unter Tränen vor Seligkeit, ein solches Kind gehabt zu haben.
Und es kommen Jahr für Jahr unzählige Erstkommunikanten zu Sankt Imelda als zu ihrer Patronin, als zu ihrem Vorbild, als zu ihrer mächtigen Fürsprecherin, und bitten sie um die Gnade einer guten Vorbereitung und würdigen Danksagung für die erste Heilige Kommunion.

 

 

 

Gleich Lilien blühet, o Blumen !
Duftet, grünet voll Anmut,
singet ein Loblied
und preiset den Herrn
ob all Seiner Werke !

(Eccli. 39, 19)

Zuletzt aktualisiert am Sonntag, den 15. März 2015 um 17:19 Uhr
 
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